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Hetzjagd auf bäuerliche Familienbetriebe in Jühnsdorf im Frühjahr 1960

 

Beginnend in den frühen Fünfziger Jahren begannen auf Basis der Parteitagsbeschlüsse der SED die Maßnahmen zur sozialistischen Umgestaltung der Landwirtschaft in der DDR nach dem Vorbild des sowjetischen "Bruderlandes", dem Leninschen Genossenschaftsplan.
Den bäuerlischen Betrieben wurden durch die staatlichen Behörden Auflagen zur Lieferung landwirtschaftlicher Produkte, dem Ablieferungssoll, auferlegt. Es bestand ein Lieferzwang für diese Produkte, wobei die zu liefernden Produkte je Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche von der Betriebsgröße abhängig waren. Großbauern hatten größere Leistungen zu erbringen. Diese willkürlichen Festlegungen führten zum Ruin des Bauernstandes, da diese staatlichen Auflagen unter den gegebenen Umständen und dem Mangel an moderner Landwirtschafttechnik, qualitativ gutem Saatgut und ausreichender Versorgung mit hochwertigem Düngemitteln nicht erfüllt werden konnten.
Viele bäuerliche Familien kehrten der DDR bereits in den 50-ziger Jahren den Rücken und die Höfe derer wurden in örtlich geleitete Betriebe (ÖLB) übergeleitet oder den Volksgütern zugeordnet. Für die Staatsmacht entstand eine sehr prekäre Situation, viele Dörfer verwaisten regelrecht. In den Jahren 1952 - 1953 wurden in diesen Dörfern die ersten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG), oder wie die Bauern sagten "Kolchosen" gegründet. Man sagte damals: "Jede rote Nase kann nun Vorsitzender einer Kolchose werden". Fachkenntnisse waren dabei nicht unbedingt gefragt und ausschlaggebend. Das Ganze war sowohl landwirtschaftlich als auch ökonomisch ein absolutes Dilemma. "Nu mach doch mal nen Bock zum Järtner", wie det de Volksmund tu seggen tut.

Agitatoren überschwemmten das Dorf. Die Bauern wurden zu Versammlungen beim Bürgermeister unter persönlichen Druck eingeladen. Agitationstrupps suchten die bäuerlichen Familien zu Einzelgesprächen auf. Das ganze Dorf wurde mit einer großen Lautsprecheranlage beschallt, wo ständig die Erfolge der sozialistischen Umgestaltung in den Dörfern -z.B. Groß Ziescht u.a.- lauthals mit Fanfarenklang verkündet wurden.
Die Straßenbäume wurden mit Agitationsmaterial beklebt, auf denen unbelehrbare Bauern die den Schritt vom "Ich zum Wir" noch nicht vollzogen hatten, benannt wurden.
Nachts wurden diese Zettel von den Bauernjungs von den Bäumen entfernt - und das war nicht ungefährlich, denn es wurde eine Streife organisiert die Provokationen gegen die Umgestaltung verhindern sollte.
Im Ergebnis wurde nach diesen heißen Tagen eine LPG Typ I "Am Wiesenhain" gegründet. In den folgenden Monaten verließen drei bäuerliche Familien den Arbeiter- und Bauernstaat in Richtung kapitalistische Bundesrepublik und mit Ihnen viele, viele Einwohner der DDR, was letzlich zum Bau der Mauer im Jahre 1961 führte.
Im Jahre 1990 übernahm ein Altbesitzer sein Anwesen in fürchterlichem Zustand. Er hat damals mit primitiven Mitteln ein Video aufgenommen. Nach zwanzig Jahren Deutsche Einheit ein bester Beweis für das große Aufbauwerk im Osten Deutschlands das wir vollbracht haben.

 

Hetzjagd auf die Einzelbauern im damaligen Kreis Zossen
(nachvollzogen aus den Mitschriften des damaligen Bürgermeisters der Gemeinde Jühnsdorf)

 

Auf der Parteiaktivtagung der SED am 04.11.1959, unter der Leitung der Genossin Hilde Schmidt, wurden die Festlegungen für die sogenannte "sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft" in den Dörfern des Kreises Zossen getroffen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren entsprechend der Angaben erst 54% der landwirtschaftlichen Fläche in sozialistische Produktionsformen (rote Bauern) überführt. Die restlichen landwirtschaftlichen Betriebe (weiße Bauern) waren bis zu diesem Zeitpunkt verbliebene bäuerliche Familienbetriebe.
Neben der Klarheit der Durchsetzung der Ziele in der SED wurde die Bildung von Orts-Komitees, bestehend aus den ABV (Abschnittsbevollmächtigten der Deutschen Volkspolizei), dem Ortsparteisekretär der SED und den Vorsitzenden der Massenorganisationen, beschlossen.
Mit Sichtwerbungen in den Dörfern sollte das unterstützt werden.
Der politische Einfluss der Bürgermeister in den Dörfern muss stärker werden. Der Bürgermeister ist der staatlich autorisierte Leiter, er hat die Beschlüsse von Partei und Regierung umzusetzen, notfalls auch gegen die Meinung der Ratsmitglieder und Gemeindevertreter.
Die Bildung einer Ortskommision erfolgte in Jühnsdorf am 10.11.1959 auf Forderung des Bürgermeisters mit der Argumentation, "festgestellt werden muss, dass wir es noch nicht fertiggebracht haben die z.Z. noch bestehenden Wirtschaften der zwölf Einzelbauern zu einer LPG (Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft) zusammen zu führen. Für jeden Einzelbauern ist der Weg ganz klar aufgezeichnet. Wenn man heute bereits von Museumsdörfern spricht, dann wird es nicht mehr lange dauern, dann spricht man von Museumsbauern".
Zielstellung war die kurzfristige Gründung einer LPG gegen den Widerstand der Bauern und die Umwandlung des Dorfes in ein sozialistischen Dorf.
Es erfolgte die Bildung von Agitationstrupps aus Mitgliedern der Gemeindevertretung und fremden Agitatoren, die als Wortführer und Einpeitscher fungierten.
"Je schneller wir die Großraumwirtschaft einführen, desto schneller werden wir unseren 7 Jahresplan erfüllen, desto schneller wird uns ein Leben in Glück, Frieden und Wohlstand beschieden sein. Es wird niemand gezwungen in die LPG einzutreten, aber wir halten es für unsere Pflicht, alle werktätigen Einzelbauern aufzuklären, damit es nicht heißt: "Ja hätten wir das früher gewusst"".

Ein Beitrag von Horst D. Bartz (Ortsvorsteher 2010)

 

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